Bulimie (Ess-Brech-Sucht)
Kennzeichen einer Bulimie sind Heißhungeranfälle, in denen große Mengen Nahrungsmittel hinuntergeschlungen und anschließend wieder erbrochen werden. Ausgelöst wird diese Krankheit oft durch eine - im Alter der Heranwachsenden eigentlich normale - Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren und beginnt oft im Zuge einer Diät. Die Diät stellt die Betroffenen wieder vor das Problem der Disziplin und des Aufschubs von Befriedigung. Die Diät kann nicht eingehalten werden und es kommt vor Heißhunger zu einem Kontrollverlust in Form einer Essattacke, die wiederum große Angst und Schuldgefühle verursacht. Das anschließende Erbrechen wird zunächst als erlösend empfunden, bald stellen sich aber Versagens- und Schuldgefühle ein.
Da Bulimie-Kranke fast immer normalgewichtig sind und sie sich ihres Verhaltens schämen, bleibt die Krankheit oft lange unentdeckt. Die Bulimie ist aber keineswegs eine ungefährliche Erkrankung. Einerseits zählt sie zu den Suchterkrankungen, da die Betroffenen in eine Befriedigungs-Schuldgefühl-Spirale hineingeraten, die eine eigene, auf immer wiederkehrende Wiederholung drängende Dynamik entwickelt. Keine Suchterkrankung sollte auf die leichte Schulter gnommen werden. Andererseits führt das schwallartige Erbrechen zu Dehnungen und in späterer Folge auch zu Einrissen in den inneren Schleimhäuten (Magen, Speiserähre, Schlund), zu Zahnschäden und Symptomen chronischer Mangelernährung.
Die Früherkennung ist wesentlich sowohl für die Prognose der psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeit der Krankheit als auch für die Prophylaxe gravierender somatischer Folgeerkrankungen. Auch im Zusammenhang mit Heilungsverlauf und Heilungschancen ist die Früherkennung der Störung von größter Bedeutung.
Bulimie erfordert immer eine psychotherapeutische Behandlung. Psychoanalytische und andere tiefenpsychologische Verfahren sind hier an erster Stelle zu nennen. Als Vorbeugung kann alles angesehen werden, was Kindern und Jugendlichen dabei hilft, ein gesundes Selbstwertgefühl und eine stabile Identität zu entwickeln.
Zahlen zur Verbreitung der Bulimie (Ess-Brech-Sucht) weisen große Schwankungsbreiten aus. Gründe dafür liegen in der oft schwierigen Abgrenzung der Ess-Brech-Sucht zur Magersucht bzw. Ess-Sucht und der hohen Dunkelziffer. Da das äußere Erscheinungsbild der Betroffenen unauffällig ist, nehmen sie zum Teil keine oder erst sehr spät medizinische Behandlung in Anspruch. 85 Prozent der an Ess-Brech-Sucht Erkrankten sind junge Frauen, großteils im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Die Erkankungshäufigkeit wird in dieser Risikogruppe mit zwei bis vier Prozent angegeben. Es gibt Gruppen mit einem höheren Erkrankungsrisiko, wie Studentinnen, Migrantinnen, Jugendliche mit Diabetes mellitus Typ 1, Schauspielerinnen, Models, Tänzerinnen und Sportlerinnen. Verlässliche Angaben über die Erkankungshäufigkeit bei Männern gibt es kaum. Behandlungseinrichtungen für Essstörungen verzeichnen allerdings in den letzten Jahren eine Zunahme der männlichen Patienten. Die Tatsache, dass es sich bei dieser Krankheit um eine Frauenkrankheit handelt, erschwert Männern den Behandlungszugang noch zusätzlich.
Ursachen
Es gibt keine einfache biologische oder psychologische Erklärung für die Entstehung einer Ess-Brech-Sucht. Nach heutigen Erkenntnissen geht man davon aus, dass sie in jedem einzelnen Fall eine Kombination aus unterschiedlichen Bedingungen ist, sie wird daher auch als multifaktorielle Erkrankung bezeichnet.
Soziokulturelle Faktoren
Ess-Brech-Sucht gibt es ausschließlich in reichen Ländern. Starke Konsumorientierung, ein Schönheitsideal, das junge, schlanke Menschen als erfolgreich, begehrens- und liebenswert darstellt, fördern die Entstehung dieser Krankheit. Frauen sind einem größeren Druck ausgesetzt, den gängigen Schönheitsnormen zu entsprechen und und setzen sich auch selbst unter einen höheren Erwartungsdruck. Sie erkranken daher deutlich öfter an Ess-Brech-Sucht als Männer.
Familiäre Faktoren
Bei Familien von Bulimie-Kranken finden sich des öfteren Beziehungsmuster, die durch wechselseitig anklagende, kontrollierende Äußerungen und wenig Offenheit im Umgang mit Konflikten und Gefühlen gekennzeichnet sind. Sexualität ist häufig tabuisiert. Die Rollenverteilung zwischen den Eltern ist in vielen Familien traditionell, der Vater ist für das Familieneinkommen zuständig und die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kindererziehung. Oft besteht sowohl auf seiten der Eltern als auch der Betroffenen das Bedürfnis nach Versorgung, Schutz und einfühlendem Verständnis. Folgen dieser Ansprüche können sich z. B. darin äußern, dass bei bestehenden Eheproblemen Mütter ihre Töchter als Verbündete gegen den Vater zu gewinnen versuchen. Die Beziehung zu den Vätern wird von Bulimie-Patientinnen häufig als distanziert beschrieben. Oft empfinden sie, dass sie von ihren Vätern nur über ihre erbrachten Leistungen wahrgenommen werden bzw. dass väterliche Zuwendung daran gebunden ist. Alkoholprobleme des Vaters sind in diesen Familien ebenfalls häufiger. Bei den Müttern lässt sich oft ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Frauen- und Mutterrolle feststellen. Die Tochter kann in diesem Fall einem Wechselbad von Nähe und Distanz, von Zuwendung und Ablehnung ausgesetzt sein. Die Symptomatik von Essen und Brechen spiegelt im Symptom diese widersprüchliche emotionale Erfahrung wider. Die Mutter bietet sich sich den Ess-Brech-Süchtigen häufig nicht zur Identifikation an, die mit dem - in diesen Familien häufigen - traditionellen Frauenbild der Mutter als Hausfrau und Versorgungsinstanz nichts mehr anfangen können. Sie wollen mehr, viele sind sehr erfolgreich in Studium und Beruf, haben aber kein sicheres inneres Gefühl dafür, ob ihnen dies wirklich erlaubt ist. Ein häufig beobachtetes Dilemma dieser Familien besteht darin, dass kein Familienmitglied im Stande ist, die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen bzw. seine erfüllt zu bekommen. Das führt bei den Beteiligten zu Enttäuschung und Wut auf der einen Seite und Versagens- und Schuldgefühlen auf der anderen. Zur Lösung dieser unbefriedigenden Situation werden dann die jeweils individuell verfügbaren Strategien eingesetzt. Dabei kann es sich z. B. um ein gestörtes Essverhalten oder auch einen problematischen Umgang mit Alkohol handeln. Im Familienverband erleben sich die Ess-Brech-Süchtigen oft als isoliert, wobei dies von den anderen Familienmitgliedern nicht empfunden wird. Grund für dieses subjektive Isolationsgefühl ist möglicherweise die Verheimlichung der Symptomatik der Erkrankung vor der Familie.
Individuelle Faktoren
Ess-Brech-Süchtige werden von Außenstehenden häufig als zuverlässig, hilfsbereit, kompetent und stark wahrgenommen. Ihr Selbstwertgefühl ist zumeist sehr von den positiven Reaktionen ihrer Umgebung abhängig. Sie versuchen den Wünsche und Erwartungen der anderen zu entsprechen und diese zu erfüllen, dies gilt natürlich auch für herrschenden Schönheits- und Schlankheitsideale. Ihre emotionale Bedürftigkeit nach Halt, Schutz, Anerkennung und Geborgenheit kommt bei dieser am Über-Ich und den Anforderungen von außen orientierten Haltung zu kurz. Die jungen Frauen (und Männer) empfinden eine Leere, die es zu füllen gilt bzw. einen Hunger, der - in der Attacke zur riesigen Gier übersteigert - gestillt werden muss. In den Essattacken gelingt dies scheinbar, jedoch nur für den Moment. Sehr rasch treten Schuld-, Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass in den Vordergrund. Die Betroffene schämt sich ihrer Gier, sie erlebt sich als Versagerin, die die Disziplin für ihre selbst auferlegten Essensvorschriften nicht aufbringen kann und hat Angst vor der Gewichtszunahme. Das Erbrechen bringt die Entgleisung wieder unter Kontrolle und ist zugleich eine Selbstbestrafungshandlung, die auch helfen soll, die Schuldgefühle wieder auszugleichen.
Bei dieser Art des Essens gibt es kein Verdauen. Die Betroffenen planen die Essattacke häufig im voraus, damit keine unerwünschte Unterbrechung passiert. Sie "saugen" bevorzugt süße und kalorienreiche Nahrungsmittel mit weicher Konsistenz auf und geben sie gleich darauf wieder von sich. Die in ihnen widerstreitenden Wünsche kommen hier deutlich zum Ausdruck. Es besteht einerseits der Wunsch nach Symbiose und Zuwendung, dieser wird im Verschmelzen mit der Nahrung erlebt und andererseits der nach Separation und Abgrenzung, symbolisiert im Erbrechen.
Biologische Faktoren
Es gibt Hinweise auf eine eventuelle genetische Prädisposition. Für die Entstehung des Krankheitsbildes ist aber jedenfalls das Zusammenwirken mehrerer Faktoren notwendig.
Krankheitsauslösende Bedingungen
Am Beginn steht bei vielen Betroffenen die Unzufriedenheit mit ihrem Aussehen. Sie finden sich zu dick und wollen abnehmen. Die ersten, zumeist sehr strengen Diäten sind häufig der Einstieg in den Bulimie-Teufelskreis. Einschneidende Erlebnisse, wie der Auszug aus dem Elternhaus, die Beendigung der ersten Liebesbeziehung, in Extremfällen auch traumatische Erlebnisse, werden mit dem Beginn der Erkrankung in Verbindung gebracht.
Krankheitserhaltende Faktoren
Wird die Nahrungszufuhr für längere Zeit verringert, so stellt sich der Körper darauf ein, indem er den Grundbedarf an Energie senkt. Dieser niedrige Level wird auch noch einige Zeit nach Beendigung einer Diät beibehalten. Betroffene nehmen beim normalen Essen an Gewicht zu, der berüchtigte Jo-Jo-Effekt tritt ein. Die Gewichtszunahmen lösen bei Personen, die an Essstörungen leiden, häufig massivste Ängste aus, und dies führt über kurz oder lang zur nächsten Diät und das Spiel beginnt von Neuem. Die so genannte "Set Point"-Theorie geht davon aus, dass es für jedes Individuum ein genetisch festgelegtes Körpergewicht gibt, das sich bei normalem Ess- und Bewegungsverhalten problemlos halten lässt, allerdings entspricht es bei den wenigsten Menschen dem körperlichen Erscheinungsbild der Models. Versucht nun jemand, das Gewicht unter dieses individuelle Körpergewicht zu reduzieren, dann gelingt dies nur durch permanentes Hungern, was wiederum zu hormonellen Veränderungen führt, die an der Entwicklung von depressiven Verstimmungen beteiligt sind. Kohlehydrate (Zucker, Schokolade, Chips, "Junk food" generell) wirkt dieser Art der Depression entgegen. Darin wird auch ein Auslöser für die Essattacken und den damit einhergehenden Kontrollverlust vermutet.
Begleiterkrankungen
Je länger die Ess-Brech-Sucht unbehandelt bleibt, desto höher ist die Gefahr einer Chronifizierung. Bei einigen Betroffenen werden außer der Essstörung auch depressive Symptome, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen festgestellt.
Essattacken, Erbrechen und Abführmittelmissbrauch haben natürlich Auswirkungen auf den Körper. In diesem Zusammenhang beobachtete Begleiterkrankungen sind:
- Völlegefühl
- chronische Verstopfung
- hormonelle Störungen, die sich bei Frauen im Ausbleiben der Monatsblutung (sekundäre Amenorrhoe, Blutungsstörungen) und bei Männern durch Potenz- und Libidoverlust äußern, bzw. bei sehr jungen Betroffenen in einem Wachstumsstopp
- Verätzungen der Mundschleimhäute und Speiseröhre
- Schwellungen oder Entzündungen der Ohrspeicheldrüsen (Parotitis)
- Schädigung der Zähne durch die Magensäure (Karies, Paradontose)
- Störung des Elektrolythaushalts - so kann eine Mangel an Kalium und Natrium die Herz- und Nierenfunktion beeinträchtigen
- Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis)
- Risse in der Speiseröhre und in der Magenwand
Folgeerkrankungen
Bei etwa einem Fünftel der Erkrankten nimmt die Essstörung einen chronischen Verlauf. Bei einigen Betroffenen kommt es zwar zu einer Besserung des gestörten Essverhaltens, dafür treten aber andere psychische Erkrankungen in den Vordergrund, wie Drogen-, Alkohol- bzw. Tablettenmissbrauch oder Depression. In seltenen Fällen kommt es zu einem Wechsel von einer bulimischen Verhaltensweise zu einer anorektischen. Unbehandelt kann die Ess-Brech-Sucht in einzelnen Fällen auch zum Tode führen, die Sterblichkeitsrate ist aber bedeutend niedriger als bei der Magersucht. Weiters wird bei ehemals Ess-Brech-Süchtigen ein gehäuftes Auftreten von Knochenbrüchen und Erkrankungen an Osteoporose beobachtet. Hier wird ein Zusammenhang zwischen Mangelernährung und den damit verbundenen hormonellen Veränderungen als Ursache vermutet.
Vorbeugung
Vorbeugend im Zusammenhang mit Essstörungen ist ein Familienklima, das Kinder bzw. Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung und emotionalen Entwicklung fördert und unterstützt. Die angeführten Verhaltensweisen und Werthaltungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie dienen nur als Beispiele, welche Ressourcen der Entstehung von Essstörungen entgegengesetzt werden können bzw. welche Erziehungsmaßnahmen vermieden werden sollten.
- Die Einteilung der Lebensmittel in gut und böse sowie deren Einsatz zur Belohnung oder Bestrafung versieht diese mit emotionalen Qualitäten, die irreführend sind, darum sollte dies möglichst vermieden werden.
- Essen ist kein Ersatz für Liebe, Zuwendung oder Trost. Bekommen Kinder Süßigkeiten zugesteckt, um Langeweile, Frustration oder Einsamkeit zu überbrücken, so kann es sein, dass sie auch als Erwachsene problematische Situationen auf diese Art bewältigen.
- Sprüche wie: "Gegessen wird, was auf den Tisch kommt" oder "Bevor du nicht aufgegessen hast, darfst du nicht aufstehen" sind nicht hilfreich. Kinder sollten nicht zum Essen gezwungen werden. Es ist wichtig, dass sie wahrnehmen, wie sich Hunger anfühlt und wie es ist, satt zu sein.
- Sind Diäten, Körpergewicht, Angst vor dem Dickwerden ein häufiges Gesprächsthema der Eltern, so besteht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche dies übernehmen und auftretende Gewichtsschwankungen problematischer erleben, als diese eigentlich sind.
- Das offene Ansprechen von Konflikte und Gefühlen hilft Kindern, diese als das wahrzunehmen, was sie sind.
- "Nobody is perfect": Fehler gehören zum Leben. Perfektionistische Ansprüche tragen Enttäuschung und Scheitern schon in sich und sind der Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls nicht förderlich.
- Die Achtung der Privatsphäre der Familienmitglieder ist wichtig, ebenso sollte deren Individualität respektiert und gefördert werden.
- Das Thematisieren und Hinterfragen von männlichen und weiblichen Rollenzuweisungen, Schönheits- und Schlankheitsidealen sowie deren Repräsentanten, die den Jugendlichen möglicherweise als Vorbilder dienen, unterstützt diese in der Meinungsbildung und kann ihnen zu einer distanzierteren Betrachtungsweise verhelfen.
Früherkennung
Die Früherkennung ist bei Ess-Brech-Sucht sehr schwierig. Die Betroffenen sind zumeist normalgewichtig und im alltäglichen Leben unauffällig. Sie schämen sich für ihr Verhalten und verheimlichen es daher möglichst lange.
Auffällige Verhaltensweisen und Kennzeichen:
- Betroffene vermeiden es häufig, in der Gegenwart anderer zu essen, egal ob es sich dabei um Familienmitglieder oder Freunde handelt. Sie lassen gemeinsame Mahlzeiten ausfallen oder sagen häufig kurzfristig Verabredungen zum Essen ab.
- Wenn die Betroffene mit anderen Personen in einem Haushalt lebt, ist zumeist auffällig, dass die Vorräte plötzlich nicht mehr reichen oder der Inhalt des Kühlschranks über Nacht verschwindet.
- Die Essattacken sind kostspielig, es kann auch passieren, dass plötzlich Geld fehlt.
- Betroffene bezeichnen sich häufig als zu fett und thematisieren Figurprobleme und Diätmaßnahmen oft.
- Viele Erkrankte gehen kurz nach dem Essen auf die Toilette und halten sich dort längere Zeit auf. Eventuell finden sich auch Spuren des Erbrechens im Waschbecken oder in der Klomuschel.
- Als Folge des häufigen Erbrechens können Heiserkeit, Zahnprobleme (Karies), Hautprobleme und Kreislaufschwäche auftreten.
- Besteht die Krankheit bereits länger, führt dies bei einigen Betroffenen auch zum Ausbleiben der Monatsblutung.
Beschwerden
Im Gegensatz zu den Magersüchtigen verspüren Ess-Brech-Süchtige einen erheblichen Leidensdruck. Es ist ihnen zumeist sehr bald klar, dass sie krank sind, aber Scham- und Schuldgefühle erschweren ihnen oft den Zugang zu ärztlicher bzw. psychotherapeutischer Hilfe. Die Betroffenen erleben die regelmäßigen Essanfälle, bei denen sie zwischen 3.000 und 10.000, in Extremfällen bis zu 30.000 kcal pro Tag zu sich nehmen, als sehr belastend. Der Kontrollverlust während der Attacke bereitet ihnen ebenso große Angst wie die Vorstellung, Gewicht zuzunehmen. Das regelmäßige Erbrechen nach einem Heißhungeranfall löst die innere Spannung. Dies wird zunächst als reinigend empfunden, führt im Weiteren aber zu erheblichen Minderwertigkeits-, Scham- und Schuldgefühlen bis hin zu Selbsthass. Die Ess-Brech-Süchtigen erleben den Kontrollverlust und die Nichteinhaltung ihres restriktiven Diätplans als Versagen. Viele Betroffene klagen über Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit und Störungen des sexuellen Verlangens (Libidoverlust). Je länger die Erkrankung besteht, desto häufiger kommt es zu einem sozialen Rückzug und werden Depressionen und Suizidgedanken genannt. Manche Ess-Brech-Süchtige leiden auch an anderen Suchterkrankungen (Alkohol-, Drogen-, Tablettensucht) oder an Kleptomanie. Die Kosten, die ihre Krankheit verursacht, können auch zu erheblichen finanziellen Problemen und zu Konflikten mit dem Gesetz führen.
Diagnose
Die Kriterien für die Diagnose Ess-Brech-Sucht umfassen:
- Andauernde gedankliche Beschäftigung mit Essen
- Heißhungerattacken, bei denen große Mengen Nahrung in kurzer Zeit konsumiert werden
- Verhindern einer befürchteten Gewichtszunahme durch bestimmte Verhaltensweisen wie z. B. selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln sowie das Einhalten von sehr restriktive Diäten
- Krankhafte Furcht, zu dick zu werden
- Häufig findet sich bei Betroffenen eine Erkrankung an Magersucht in der Vorgeschichte
Die Diagnoseerstellung erfolgt aufgrund der Angaben, die die Betroffene im Gespräch mit dem Arzt macht, sowie den Ergebnissen einer körperlichen Untersuchung und einer Laboruntersuchung. Im Gespräch wird der Arzt, vor allem den Umgang mit Essen (siehe Früherkennung) sowie persönliche und familiäre Einstellungsmuster (siehe Ursachen) ansprechen. Bei der körperlichen Untersuchung werden Gewicht, Größe, Pulsfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur gemessen. Die Haut wird auf Verätzungen des Handrückens, bedingt durch das selbstinduzierte Erbrechen, und Verletzungen untersucht. Weiters wird untersucht, ob ebenfalls durch das häufige Erbrechen verursachte Zahnschäden sowie Schwellungen bzw. Entzündungen der Speicheldrüsen gegeben sind. Die labormedizinische Untersuchung des Blutes beinhaltet die Bestimmung der Elektrolyte, Kreatinin und Harnstoffe, Differentialblutbild, Gesamteiweiß und Albumin, Hormonstatus, Leber- und Nierenfunktionsparameter und Blutsenkung. Diese Untersuchungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt. Besteht die Erkrankung bereits seit längerer Zeit, kann mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wie Röntgenuntersuchung und Computertomografie festgestellt werden, ob eine Erkrankung an Osteoporose eingetreten ist. Die Untersuchungsergebnisse bilden die Entscheidungsgrundlage für Art und Intensität der anschließenden Behandlung. Die Diagnoseerstellung fällt in die Kompetenz verschiedener medizinischer Fächer.
Ess-Brech-Sucht und Diabetes
In der Gruppe der weiblichen Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes wird eine Erkrankung an Ess-Brech-Sucht häufiger beobachtet. Da viele Betroffene nicht im klassischen Sinne erbrechen, sondern die Gewichtsreduktion über den Umgang mit dem Insulin erfolgt, - es wird sozusagen über die Nieren erbrochen, - gibt es praktisch keine äußerlich sichtbaren Hinweise, wie den Zustand der Zähne, die eine Diagnose ermöglichen. Ärzte sollten eine Ess-Brech-Sucht in Erwägung ziehen, wenn sich die Einstellung einer insulinpflichtigen Diabetes sehr schwierig gestaltet.
Behandlung
Da es sich um eine vorwiegend psychische Erkrankung handelt, ist eine psychotherapeutische Behandlung immer notwendig und die Therapie erster Wahl.
Als Richtwert für die Behandlungsdauer wird von Experten ein Zeitraum von zwei bis vier Jahren genannt. Je nach physischem und psychischem Zustandsbild wird der Arzt eine Einweisung in ein Krankenhaus veranlassen oder der Betroffenen andere mögliche Behandlungsformen vorschlagen und die notwendigen ersten Schritte, wie die Kontaktaufnahme mit einem Psychotherapeuten oder einer Beratungsstelle für Essstörungen, in die Wege leiten.
Psychotherapeutische Behandlung
Mehrere psychotherapeutische Schulen haben Konzepte zur Behandlung der Ess-Brech-Sucht entwickelt. Für Betroffene und deren Angehörige ist das vielfältige Angebot oft verwirrend, zumeist fehlt auch die Zeit und das Geld, verschiedene Therapieansätze auszuprobieren. Letztendlich ist für eine erfolgreiche Behandlung weniger die gewählte Therapierichtung als eine gute Beziehung zwischen der Betroffenen und dem Therapeuten ausschlaggebend.
Für die Behandlung der Ess-Brech-Sucht hat sich der Einsatz mehrerer Psychotherapien (multimethodale Therapie) als erfolgreiche Methode erwiesen. Mit Hilfe der Verhaltenstherapie erlernen Bulimie-Patientinnen einen adäquaten Umgang mit Essen und mit Zeit. Nachdem Essen ihr Leben beherrscht hat, haben sie, sobald die Symptomatik abklingt, viel Zeit zur Verfügung. Dies kann im ersten Moment eine Überforderung darstellen und birgt die Gefahr eines Rückfalls in die alte Symptomatik. Körperorientierte Psychotherapie ist wichtig für die Behebung der Körperwahrnehmungsstörung und unterstützt die Betroffenen dabei, wieder ein Gefühl für ihren Körper zu bekommen, Entspannungstechniken sind hier ebenfalls hilfreich. Familientherapie hilft bei der Lösung der innerfamiliären Konflikte und tiefenpsychologische Verfahren wie die Psychoanalyse beim Erkennen, Bearbeiten und Verändern von hinderlichen bzw. krankheitsverursachenden Verhaltensmustern, deren Ursprung zumeist in der frühen Kindheit liegen. Je nach Therapierichtung stehen entweder die auftretetenden Symptome oder die vermuteten zugrunde liegenden Konflikte im Zentrum der Behandlung. In Verhaltenstherapie wird geklärt, worin das problematische Verhalten besteht und wie man es beeinflussen kann. Die konfliktorientierten Therapien sehen den spezielle Umgang mit Nahrung als Hilfestellung bei der Lebensbewältigung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig herauszufinden, welche positiven Effekte die Krankheit für die Betroffene hat, welche dahinter liegenden Konflikte damit gelöst werden. Anschließend werden zusammen mit dem Therapeuten adäquatere Lösungsstrategien erarbeitetet. Beide Therapiearten bewirken eine "Entzauberung" der Störung und ermöglichen es den Betroffenen, sich Schritt für Schritt davon zu lösen. Während dieses Veränderungsprozesses hält die Symptomatik einige Zeit weiter an, sie kann sich zu Beginn auch verstärken.
Entscheidungshilfen für die Wahl des Therapeuten
Fällt die Entscheidung zugunsten einer Behandlungsdurchführung bei einem Therapeuten aus, so ist es ratsam jemanden zu wählen, der über eine langjährige Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen verfügt. Das Erstgespräch bei einem Therapeuten dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Für den Therapeuten ist es wichtig, die Situation und das Anliegen der Betroffenen kennen zu lernen und die Klientin muss für sich klären, ob sie sich diesem Menschen anvertrauen kann.
Einige Kriterien, die bei der Entscheidung helfen können, betreffen vor allem Gefühle, die während der Gesprächssituation für die Betroffene spürbar werden.
- Die Betroffene fühlt sich ernst genommen und respektiert.
- Sie hat den Eindruck, dass ihrer Person und ihrem Anliegen ein echtes Interesse entgegengebracht wird, also nicht Routine im Vordergrund steht.
- Der Therapeut hat gut zugehört.
- Sie fühlt sich nach dem Gespräch optimistischer als vorher.
Ambulante oder stationäre Behandlung?
Zurzeit können Betroffene zwischen ambulanten und stationären Behandlungsformen wählen. Die ambulante Durchführung einer Therapie hat den Vorteil, dass der veränderte Umgang mit Essen in den Alltag der Betroffenen eingebettet ist und nicht in der künstlichen Atmosphäre einer Klinik stattfindet. Die Entscheidung, ob ambulant oder stationär, hängt jedoch von den aktuellen Lebensbedingungen der Betroffenen ab. Eine stationäre Behandlung empfiehlt sich, bei Betroffenen:
- deren körperliche und psychische Verfassung sehr schlecht ist
- die bereits mehrere Jahre an der Erkrankung leiden
- die ambulante Behandlungen bereits abgebrochen haben bzw. denen diese nicht geholfen hat
- in deren Familie unerträgliche Spannungen bestehen
- die den Wunsch nach Unabhängigkeit von der Familie äußern
- die aus welchem Grund auch immer überzeugt sind, in der stationäre Behandlung besser aufgehoben zu sein als in der ambulanten.
Der Vorteil einer stationären Betreuung, die entweder in psychosomatischen Abteilungen oder Spezialabteilungen für Essstörungen stattfindet, ist, dass ein multiprofessionelles Team zur Verfügung steht und somit der Einsatz mehrerer Therapierichtungen möglich ist. Ein stationäres Behandlungsprogramm dauert in der Regel sechs bis acht Wochen. Wichtig im Anschluss an eine stationäre Behandlungsform ist die weiter gehende ambulante Behandlung, damit der Übergang von der Klinik in den Alltag gelingt.
Medikamentöse Behandlung
Eine medikamentöse Behandlung der Ess-Brech-Sucht hat sich nicht bewährt. Es können jedoch Medikamente zur Behebung von ernährungsbedingten Mangelerscheinungen und den verschiedenen anderen Begleiterkrankungen, die mit Ess-Brech-Sucht einhergehen, zum Einsatz kommen.
Heilungsverlauf und Heilungschancen
Da es sich bei Ess-Brech-Sucht um eine noch nicht sehr lange als solche eingestufte Erkrankung handelt, gibt es kaum Langzeitstudien über Behandlungsverlauf und -erfolg. Prinzipiell muss berücksichtigt werden, dass vorhandene Zahlen sich nur auf die Gruppe der Betroffenen beziehen, die Behandlungszentren aufgesucht und sich für weitere Nachuntersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Die Krankheitsverläufe sind bei Ess-Brech-Sucht sehr unterschiedlich. Je kürzer die Krankheitsdauer, je weniger Begleiterkrankungen und misslungene Behandlungsversuche, desto besser die Heilungschancen. Behandlungsziel ist eine Veränderung der Einstellung zum Essen. Sowohl bei konfliktorientierten als auch symptomorientierten Behandlungsansätzen werden durchschnittlich 33 bis 39 Prozent der Erkrankten symptomfrei, bei insgesamt 80 Prozent tritt eine Verbesserung der Symptomatik ein. Problematische Verläufe bestehen bei gleichzeitigem Auftreten von anderen Abhängigkeiten bzw. Süchten, Suizidversuch und Borderline-Persönlichkeitsstörungen.
Leben mit der Krankheit
Hilfe für Betroffene
Der Weg zur Normalisierung des Essverhaltens ist langwierig und schwierig. Es gibt keine Zaubertricks, mit denen Heißhungerattacken oder die Angst vor der Gewichtszunahme plötzlich zum Verschwinden gebracht werden können. Die Bereitschaft, die Ess-Brech-Sucht ganz aufzugeben, ist die Voraussetzung für einen erfolgreichen Therapieverlauf. Niemand kann versprechen, dass mit einer Gewichtszunahme das Leben einfacher wird, im Gegenteil, anfangs wird es unsicherer, da die Essstörung bestimmte Probleme gelöst hat und nun ein neuer Umgang sowohl mit den Konflikten als auch mit dem Essen gesucht und erlernt werden muss.
Strategien für den Umgang mit Heißhungerattacken
- Die Erstellung einer Liste mit sinnvollen Alternativen zu einer Essattacke hat sich als hilfreich herausgestellt. Droht ein Anfall, sind die aufgelisteten Ersatzaktivitäten schnell zur Hand.
- Lässt sich der Essanfall nicht abwenden, so erhält man durch ihn wichtige Informationen über die Erkrankung. Dazu ist notwendig, dass die Attacke möglichst bewusst durchlebt wird. Wichtige Beobachtungskriterien sind Auswahl der Speisen, Reaktionen des Körpers und Gefühlsempfindungen.
- Ein weiterer wichtiger Schritt ist, nach einem Essanfall das unangenehme Gefühl auszuhalten und möglichst nicht zu erbrechen. Erbrechen schadet der Gesundheit und ist ein untaugliches Mittel für die Regulierung des Körpergewichtes.
- Wurde erbrochen, so sind Vorwürfe und jegliche Form der Selbstbestrafung, vor allem aber eine Bestrafung mit Nahrungsentzug, kontraproduktiv. Es ist dann sehr viel wichtiger sich zu entspannen, entsprechende Entspannungsübungen helfen, um in diesen Zustand zu kommen. Wesentlich ist auch, dass der Essensplan nach einer Heißhungerattacke nicht verändert wird.
- Das Führen eines Essprotokolls, in dem Situation und Gefühle vor, während und nach dem Anfall möglichst genau beschrieben werden, ist für die Krankheitsbewältigung hilfreich.
Leben ohne Abführmittel
- Abführmittel machen den Darm träge. Es wird voraussichtlich einige Zeit dauern, bis der Darm seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Sich unter Druck zu setzen hilft hier nicht, der Körper braucht einfach einige Zeit für die Umstellung.
- Wenn sich in den ersten Tagen keinen Stuhlgang einstellt, ist das kein Grund zur Besorgnis. Manchmal ist es schon hilfreich, wenn man in Ruhe zehn Minuten ohne starkes Drücken und Pressen auf dem Klo sitzt.
- Eine spezielle Ernährung bei Darmträgheit hat positive Auswirkungen auf die Verdauung. Ballaststoffreiche Lebensmittel (Verhaltenstherapie) und genügend Flüssigkeit (Der Trinkbedarf) sind in diesem Zusammenhang wichtig.
Unterstützung durch eine Selbsthilfe-Gruppe
Viele Betroffenen erleben die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe als große Erleichterung, da sie mit ihren Problemen nicht mehr alleine sind. Sie können in der Gruppe über ihre Erfahrungen offen sprechen und müssen sich nicht mehr verstellen. Anfangs fällt es vielen schwer, über sich selbst zu sprechen, aber die Verbundenheit, die zumeist zwischen den Gruppenmitgliedern besteht, gibt Sicherheit und hilft dabei, sich über seine eigenen Probleme klarer zu werden. Die Gruppe versorgt Betroffene mit Informationen, bietet Unterstützung, und jedes Mitglied kann wiederum anderen mit seinem Wissens- und Erfahrungsschatz weiterhelfen. Die Selbsthilfegruppe ersetzt aber sicherlich nicht eine psychotherapeutische Behandlung.
Ess-Brech-Sucht und Schwangerschaft
Aufgrund möglicher Mangelernährung besteht ein erhöhtes Risiko für die Schwangerschaft und das neugeborenen Kind. Die Kinder haben ein geringeres Geburtsgewicht und nehmen langsamer an Gewicht zu. Häufig gibt es große Probleme mit dem Stillen. Das Risiko sinkt deutlich, wenn die Betroffene bereits einige Zeit in Behandlung ist und sich auf dem Wege der Besserung befindet. Auf jeden Fall sollten sie ihren Gynäkologen über die bestehende Bulimie informieren.
Hilfe für Angehörige und Freunde
Viele Familienangehörige, Partner und Freunde von Bulimie-Patientinnen erleben die Zeit von der ersten bewussten Wahrnehmung der Essstörung bis zum Behandlungsbeginn, zum Teil auch noch während der Behandlung selbst, als emotionale Berg- und Talfahrt. Sie schwanken zwischen Sorge, Angst, Schuldgefühlen, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und Zorn. Ein wichtiger Schritt im Umgang mit dieser Situation ist die Erkenntnis, dass Essstörungen schwer wiegende psychosomatische Erkankungen sind. Es ist kaum zu erwarten, dass sie ohne Behandlung plötzlich verschwinden, noch dass die Familie, der Partner oder andere nahestehende Personen alleine dieses Problem in den Griff bekommen können. Professionelle Unterstützung ist unbedingt notwendig. Angehörige, Partner oder Freunde können aber viel tun, um eine Behandlung zu initiieren und den Genesungsprozesses zu unterstützen.
Wie kann man das Thema ansprechen?
- Eine ruhige, ungestörte Gesprächssituation für das Ansprechen des problematische Essverhaltens ist wichtig.
- Möglicherweise stößt das erste Gesprächsangebot auf Ablehnung. In diesem Fall wird empfohlen der Betroffenen vorzuschlagen, zu einem anderen Zeitpunkt darüber zu reden. Man darf nicht vergessen, dass der Widerstand, der besorgten Helfern entgegenschlägt, weniger von der betroffenen Person selbst als von der Krankheit herrührt.
- Möglichst offen zu zeigen, dass großes Interessen für die Erkrankte besteht und man ihre Sicht der Dinge verstehen will, erleichtert oft die Annahme von Hilfe.
- Die Schilderung der Beobachtungen, die zur Annahme geführt haben, dass es sich hier doch um ein schwerwiegendes Problem handelt, kann den Zugang zur Betroffenen ebenfalls erleichtern.
- Ein belehrendes oder autoritäres Auftreten ist nicht hilfreich.
Verhaltenstipps für den Alltag
- Es ist wichtig, die Betroffene normal zu behandeln. Wenn versucht wird, alle Alltagslasten von ihr fernzuhalten, wird dies oft als Entmündigung empfunden.
- Betroffene zum Essen zu zwingen bringt nichts. Sie sollen frei entscheiden können, ob sie an einer Mahlzeit teilnehmen oder nicht.
- Es wird empfohlen, die eigenen Ess- und Einkaufsgewohnheiten nicht zu verändern.
- Es ist wichtig, dass die Betroffene die Konsequenzen ihres Handelns selbst trägt. Hat eine Essattacke mit oder ohne anschließendem Erbrechen stattgefunden, so soll die Betroffene die fehlenden Vorräte ersetzen, Toilette oder Waschbecken reinigen oder erklären, warum sie an einer gemeinsamen Mahlzeit nicht teilnehmen will.
- Sich gemeinsam mit der Erkrankten gegen die Krankheit zu verbünden, fördert den Genesungsprozess.
- Die Achtung der Privatsphäre der Betroffenen ist unbedingt notwendig.
- Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Betroffene sich nicht so verhält, um ihr nahestehende Personen zu ärgern, sondern weil sie im Moment keine andere Konfliktlösungsstrategie hat.
- Hat es in der Vergangenheit eine Auseinandersetzung gegeben, für die man sich bei der Erkrankten entschuldigen will, dann sollte man das tun. Es ist aber auch hilfreich mitzuteilen, dass es manchmal schwerfällt, verständnisvoll auf die Betroffene einzugehen. Es ist für nahestehende Personen wichtig, nicht zu vergessen, dass sie sich bemühen aber auch keine Übermenschen sind.
- Geduld ist in hohem Ausmaß notwendig, denn die Behandlung der Erkrankung wird einen längeren Zeitraum beanspruchen. Angehörige und Freunde sollten sich nicht scheuen, in dieser schwierigen Situation jede zur Verfügung stehende Unterstützung in Anspruch nehmen. Bei Beratungsstellen für Essstörungen sind Informationen über die Krankheit, psychotherapeutische Angebote, Selbsthilfegruppen für Betroffene sowie Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freunde erhältlich.