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Diabetes mellitus Typ 1

Diese Form des Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) nennt man auch "insulinabhängiger Diabetes", weil die Bauchspeicheldrüse zu wenig oder gar kein Insulin produziert und es deshalb lebenslang gespritzt werden muss. Festgestellt werden kann Diabetes mellitus Typ 1 in erster Linie durch Blutuntersuchungen.

Erblich belastete Menschen haben ein größeres Risiko, selbst an Diabetes mellitus zu erkranken. Ist ein Verwandter ersten Grades (z. B. ein Elternteil) Typ-1-Diabetiker, ist das Erkrankungsrisiko vielfach erhöht, je nachdem welcher Elternteil erkrankt ist: Bei einer diabetischen Mutter ist das Risiko geringer als bei einem diabetischen Vater.

Jede Schwangerschaft ist in Zusammenhang mit Diabetes eine Risikoschwangerschaft und sollte genau geplant und ärztlich überwacht werden. Bei schlecht eingestelltem Zuckerspiegel besteht die Gefahr von verschiedenen schwerwiegenden Spätfolgen (Mögliche Folgeerkrankungen).

Übersetzt bedeutet die lateinische Bezeichnung Diabetes mellitus "honigsüßes Hindurchfließen". Gemeint ist damit der mit der Nahrung aufgenommene Zucker, der vom Körper nicht ausreichend verarbeitet werden kann, sich im Blut sammelt und im Harn ausgeschieden wird.

Der Diabetes mellitus Typ 1 ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter. Die jährliche Erkrankungsrate liegt für Typ 1 Diabetes derzeit bei ca. 16 Fällen von 100.000 Kindern bis zum 15. Lebensjahr. Von allen Diabetikern sind etwa fünf bis sieben Prozent vom Typ 1 betroffen. Es erkranken mehr Jungen als Mädchen, die meisten vor dem 35. Lebensjahr, viele bereits als Kinder. Die Tendenz ist steigend.

Wenn ältere Erwachsene erkranken, liegt meist ein sogenannter "verzögert auftretender Typ-1-Diabetes" im Erwachsenenalter vor. Nach neueren Untersuchungen erkranken mehr Erwachsene am späten Typ-1-Diabetes als bisher angenommen. Möglicherweise sind sogar zehn bis 15 Prozent aller Diabetes-Erkrankungsfälle im mittleren und höheren Lebensalter vom Typ-1-Diabetes. Betroffene Patienten sind meist normalgewichtig, und die Behandlung des fälschlicherweise diagnostizierten Typ-2-Diabetes mit Tabletten verbessert die Blutzuckereinstellung nicht ausreichend.

Ursachen

Bei Diabetes mellitus Typ 1 produziert der Körper anfangs zu wenig und schließlich gar kein Insulin, wodurch der normale Blutzuckerspiegel nicht aufrechterhalten werden kann. Insulin ist ein Hormon der Bauchspeicheldrüse, das den Zucker zur Energieproduktion in die Zellen transportiert und den Blutzuckerspiegel regelt.

Als Normalwert gilt ein Nüchtern-Blutzuckerspiegel bis 100 mg pro Deziliter Blut (das entspricht weniger oder gleich 5,6 mmol/l) im venösen Plasma. Von Zuckerkrankheit spricht man, wenn die Zuckerwerte nüchtern 126 mg/dl oder mehr betragen (größer oder gleich 7,0 mmol/l) und nach den Mahlzeiten 200 mg/dl betragen oder übersteigen (11,1 mmol/l).

Beim Typ-1-Diabetes entsteht der Insulinmangel, weil die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse durch Antikörper zerstört werden und kein Insulin mehr liefern können. Es vergehen oft Monate vom Beginn der Erkrankung bis zum Auftreten der ersten Symptome. Diese machen sich erst bemerkbar, wenn 80 Prozent der Inselzellen zerstört sind und der Körper den Mangel des Hormons nicht mehr ausgleichen kann.

Heute geht man davon aus, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, die durch bestimmte Erbfaktoren einerseits und durch bestimmte Umgebungsfaktoren andererseits begünstigt wird. Solche Umgebungsfaktoren sind zum Beispiel Virusinfektionen wie Masern oder Mumps. Ein Virusinfekt kann eine Autoimmunreaktion auslösen, bei der verschiedene Antikörper gegen körpereigenes Gewebe, in diesem Fall gegen die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse, gebildet werden. Auch Kuhmilch wird als möglicher Faktor für die Auslösung der Autoimmunreaktion in Betracht gezogen.

Vorbeugung

Es ist derzeit noch nicht möglich, dem Diabetes Typ 1 vorzubeugen. Es wird aber vermutet, dass bestimmte Eiweißstoffe in Kuhmilch, Weizen und Soja bei entsprechender genetischer Anlage den Ausbruch von Typ-1-Diabetes fördern könnten.

Früherkennung

Liegt eine erbliche Belastung vor, kann bei einem Antikörperscreening (Suchtest) festgestellt werden, ob Antikörper gegen Betazellen - das sind die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse - im Blut vorhanden sind. Wenn das der Fall ist, kann ein weiterer Test abklären, ob die Insulinproduktion bereits verringert ist und deshalb innerhalb weniger Jahre mit einer Erkrankung an Diabetes mellitus Typ 1 gerechnet werden muss.

Freilich gibt es bislang keine sicher wirksame Methode, das Ausbrechen der Erkrankung zu verhindern. Das Wissen, dass man im Lauf der Folgejahre erkranken wird, hilft also nicht, den Diabetes abzuwenden. Es gibt den Versuch, die Zerstörung der Inselzellen hinauszuzögern oder gar zu verhindern, indem eine immunsuppressive Therapie verabreicht wird, solange noch Eigeninsulin produziert wird. Studien zufolge kann die Verabreichung von verschiedenen Substanzen, die in das Immunsystem eingreifen, die Funktion der Beta-Zellen nach Diagnosestellung über einen Zeitraum erhalten. Solche Therapieansätze befinden sich allerdings allesamt noch im experimentellen Stadium.

Die Transplantation von Inselzellen bzw. der gesamten Bauchspeicheldrüse wird mittlerweile mit zunehmendem Erfolg angewandt, allerdings gibt es wenige Spenderorgane, und es müssen nach der Transplantation lebenslang Medikamente eingenommen werden, die die Abstoßung des Fremdgewebes unterdrücken.

Beschwerden

Beim Typ-1-Diabetes treten die Symptome häufig plötzlich und heftig auf: Die ersten Anzeichen können starker Durst - auch nachts -, Appetitlosigkeit, aber auch Heißhunger sein. Betroffene müssen vermehrt urinieren, haben Kopfschmerzen, sie fühlen sich abgeschlagen und die Haut juckt. Ein unerklärlicher rascher Gewichtsverlust innerhalb von wenigen Wochen kann ebenfalls ein Alarmzeichen für Diabetes sein.

Kleinkinder können plötzlich wieder einnässen, obwohl sie bereits "trocken" waren. Sie wirken auffällig matt, müde und schläfrig und leiden unter Kopfschmerzen.

Manchmal ist das erste auffällige Anzeichen ein strenger Azetongeruch (wie das Lösungsmittel im Nagellackentferner), der durch die Übersäuerung des Blutes entsteht.
Bei manchen Patienten verlaufen die Symptome anfangs relativ mild, sodass der Diabetes nicht rechtzeitig erkannt wird und erst durch das Auftreten eines Zuckerkomas und der damit verbundenen Einlieferung ins Krankenhaus die Diagnose gestellt wird.

Diagnose

Bei einer labormedizinischen Untersuchung  wird der Zuckergehalt im Blut gemessen. Die Untersuchung wird meist morgens nüchtern oder zumindest nach achtstündigem Fasten durchgeführt. Einmalige Messungen geben einen Hinweis und - bei stark erhöhten Werten - bereits eine Diagnose (Glukose, Hämoglobin Ac1).

Der Glukosetoleranztest beginnt morgens nach mindestens zwölfstündiger Nüchternheit mit einer ersten Blutzuckermessung. Danach werden 75 Gramm Glukose (Zuckerlösung) - bei Kindern wird die Glukosemenge an das Körpergewicht angepasst -  als Getränk verabreicht. Zwei Stunden später wird der Blutzuckerspiegel wieder gemessen. In der Zwischenzeit darf weder gegessen noch geraucht oder intensive körperliche Bewegung gemacht werden. Eine gestörte Glukosetoleranz zeigt sich in Werten zwischen 140 bis 200 Milligramm pro Deziliter (bzw. 7,8 bis 11,1 mmol/l). Von einem Diabetes spricht man, wenn der Wert zwei Stunden nach der Zuckerzufuhr bei 200 mg/dl (11,1 mmol/l) oder darüber liegt.

Behandlung

Die Therapie des Diabetes Typ 1 besteht im Ersatz des fehlenden Insulins. Folgende Formen der Insulintherapie können angewendet werden:

Intensivierte Insulintherapie: Diese Form der Therapie ist heute die Norm. Dabei lernen die Betroffenen in speziellen Schulungen, ihr Insulin selbst aus Normal- und verzögert wirksamem Insulin zu dosieren. Sie passen die nötige Insulindosis selbstständig dem aktuell gemessenen Blutzuckerwert, dem geplanten Bewegungspensum und dem Kohlenhydratgehalt der Lebensmittel an, die sie essen wollen.

Bei dieser heute als Standard angesehenen Form der Behandlung wird die natürliche Insulinausschüttung des Körpers am besten nachgeahmt. Sie erreicht eindeutig bessere Ergebnisse und ermöglicht Betroffenen eine bessere Lebensqualität als die konventionelle Insulintherapie nach einem vorgegebenen fixen Schema. Durch diese Form des Selbstmanagements können Diabetiker ihr Leben individueller gestalten - von Diät und fixen Essenszeiten weitgehend unabhängig.

Wesentliche Voraussetzung dafür ist allerdings die häufige Blutzuckerselbstmessung (mehrmals am Tag) und genaue Kenntnisse über die Erkrankung. Wer die Menge der Kohlenhydrate der Speisen abschätzen gelernt hat, kann die nötige Insulindosis an den eigenen Lebensrhythmus und Bedarf anpassen. Eine Broteinheit (BE) entspricht zehn bis zwölf Gramm Kohlenhydrate.

Konventionelle Insulintherapie: Dabei werden die Portionsgrößen und die Essenszeiten an die gespritzten Insulinmengen angepasst. Kurz wirksames Normalinsulin und lang wirksames Verzögerungsinsulin werden in einem festen Mischungsverhältnis in der Regel zweimal täglich gespritzt (fixe Mischinsuline). Diese starre Insulintherapie wird bei Typ 1 Diabetes heute nur noch vorübergehend bzw. in Ausnahmefällen durchgeführt.

Wichtige Instrumente zur Behandlung
Pen, Pumpe und Insulinanaloga
Das Hormon Insulin ist in Ampullen erhältlich und sollte kühl gelagert werden. Vorräte können im Gemüsefach des Kühlschranks aufbewahrt werden, auf Reisen in warmen Ländern empfiehlt es sich, das Medikament in Kühltaschen zu transportieren und zu lagern.

Insulin wird von den Betroffenen selbst unter die Haut gespritzt, meist in den Bauch oder in den Oberschenkel. Die herkömmlichen Spritzen sind bereits weitgehend vom "Pen" abgelöst, einem Stift, der einer Füllfeder ähnelt und eine Patrone mit Insulin enthält.

Insulinpumpe
Jeder zehnte Typ-1-Diabetiker nutzt bereits eine Pumpe. Mit einer Insulinpumpe ist es möglich, Insulin durch eine kleine Nadel, die in der Haut - meist im Fettgewebe des Bauchs - verbleibt, in den Körper zu pumpen.

Die Pumpe wird außen am Körper getragen und ist kleiner als eine Zigarettenschachtel. Sie ist darauf programmiert, dass durch einen dünnen Schlauch in regelmäßigen Abständen Insulin zur Nadel und von dort in die Haut fließt. Zusatzmengen - etwa zum Essen - müssen gesondert abgerufen werden.

Die Pumpe ermöglicht eine sehr exakte Blutzuckereinstellung, Entzündungen der Einstichstelle sind aber möglich. Sie ist prinzipiell für alle Patienten geeignet. Besonders bewährt hat sie sich bei Patienten, die sehr schwankende Blutzuckerwerte haben oder körperlich unterschiedlich starken Beanspruchungen ausgesetzt sind. Auch Eltern von Kleinkindern werden durch die Pumpe entlastet.

Insulinanaloga
Insulinanaloga sind gentechnisch abgeänderte Humaninsuline, die kurz- oder langwirksam sein können. Die kurzwirksamen Insulinanaloga können im Gegensatz zu normalem kurwirksamen Insulin direkt vor dem Essen gespritzt werden. Langwirksame Insulinanaloga haben eine Wirkdauer von 16 bis 24 Stunden und müssen deshalb häufig nur einmal pro Tag gespritzt werden. Insulinanaloga haben den Vorteil, dass sie ein geringeres Risiko von Hypoglykämien (Unterzuckerung) haben. In der Schwangerschaft ist der Einsatz langwirksamer Insulinanaloga derzeit noch  nicht möglich. Ob mit Insulinanaloga den Langzeitkomplikationen des Diabetes wirksam vorgebeugt werden kann, ist noch nicht bekannt, weil Langzeitstudien fehlen.

Mögliche Komplikationen und Folgekrankheiten
Die Krankheit selbst ist oft weniger beängstigend als die Vielzahl an möglichen Folgeerkrankungen. Diese sind aber kein unvermeidliches Schicksal. Jede dieser möglichen Folgeerkrankungen lässt sich verhindern.

Diabetische Ketoazidose: Bei einer starken Überzuckerung (Hyperglykämie) und Insulinmangel werden Ketone im Blut gebildet. Die Ursache: Bei Insulinmangel wird die normalerweise gebremste Fettverbrennung "entsichert". Durch den lawinenartigen Fettabbau wird der Körper mit dabei anfallenden Stoffwechselprodukten, wie sauren Ketonkörpern, überschwemmt ("Ketoazidose"). Der Atem riecht dann scharf nach Azeton, die Betroffenen haben starken Durst, extreme Harnausscheidung und leiden an Übelkeit und Erbrechen. Wird eine diabetische Ketoazidose nicht sofort mit Insulin behandelt, können Betroffene im schlimmsten Fall innerhalb weniger Stunden ins Koma fallen.

Hypoglykämie (Unterzuckerung): Je näher Patienten ihrem Therapieziel kommen - ein Langzeitwert (HbA1c) unter sieben Prozent wird angestrebt -, desto größer wird die Gefahr von Hypoglykämien ("Hypo"). Es gelingt auch mit einer sehr gewissenhaft durchgeführten Insulintherapie nicht immer, den Blutzuckerspiegel genau im erwünschten Bereich zu halten. Wird im Verhältnis zur konsumierten Kohlenhydratmenge zu viel Insulin gespritzt oder ist das Bewegungsausmaß einmal größer als gewohnt oder geplant, kann es sehr rasch zur Unterzuckerung kommen.

Wer Hypos fürchtet, tendiert dazu, eher eine zu geringe Insulindosis zu wählen, um "auf der sicheren Seite" zu sein. Der Preis dafür sind aber ein schlechterer Langzeitwert und mögliche Folgekrankheiten des Diabetes. Die richtige Balance zu finden, ist für Betroffene nicht immer leicht. Ein Diabetikerausweis für den Fall der Bewusstlosigkeit und ein Stück Traubenzucker in der Brust- oder Handtasche, das bei den ersten Symptomen der Unterzuckerung gegessen werden sollte, helfen in solchen Fällen, Probleme zu vermeiden.

Manchmal spüren Patienten die Hypoglykämie nicht rechtzeitig, da die typischen Symptome wie zittern, schwitzen, Hungergefühl, etc. verlorengegangen sind oder stark abgeschwächt auftreten. Diese Erscheinung nennt man Hypoglykämiewahrnehmungsstörung.

Mikroangiopathien: Wird der Blutzuckerspiegel über lange Zeit nicht ausreichend gesenkt, lagern sich verzuckerte Eiweiße an der Innenseite der kleinen und größeren Blutgefäße ab und richten Schäden an. Es kommt zur Verdickung der Basalmembran und der Muskelschicht der Gefäße und auch zur Vermehrung von Bindegewebe. Dadurch verengen sich die Gefäße, im Extremfall können sie sich dann durch einen Thrombus (Blutgerinnsel) völlig verschließen. Rauchen, erhöhte Blutfettwerte und übermäßiger Alkoholkonsum verstärken die Gefäßschäden.

Diabetische Netzhauterkrankung (diabetische Retinopathie): Etwa zwei Drittel aller Diabetiker sind von Durchblutungsstörungen in der Netzhaut betroffen. Die diabetische Netzhauterkrankung ist in der westlichen Welt inzwischen die häufigste Erblindungsursache im Alter zwischen 20 und 65 Jahren. Die wichtigste Vorbeugungsmaßnahme ist eine dauerhaft gute Blutzuckereinstellung mit Langzeit-HbA1c-Werten im Normalbereich (<7%). Um beginnende Schäden rechtzeitig behandeln zu können, ist eine regelmäßige Kontrolluntersuchung beim Augenarzt sinnvoll.

Nierenschäden (diabetische Nephropathien): Bis zu 20 Prozent der Patienten weisen bereits bei der Diagnose von Diabetes nachweisbar Veränderungen in den kleinen Blutgefäßen der Nieren auf, die sich aber wieder zurückbilden können. Wenn dann die Blutzuckereinstellung verbessert und der Blutdruck normalisiert wird, können bleibende Nierenschäden verhindert werden.

Nervenschäden (diabetische Neuropathien): Ein chronisch erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt auch die Nerven. Erste Anzeichen: Kribbeln in den Füßen und Beinen, „Ameisenlaufen“, brennende Schmerzen an den Fußsohlen und nächtliche Wadenkrämpfe.

In der Folge kann sich eine gefährliche Gefühllosigkeit entwickeln: Oberflächliche Verletzungen werden dann nicht rechtzeitig wahrgenommen (diabetischer Fuß). Auch Nerven innerer Organe können betroffen sein. Die Folgen: unregelmäßiger Herzschlag, gestörte Magenentleerung, Verstopfung, Durchfall, unvollkommene Blasenentleerung.

Makroangiopathien: Die arteriosklerotische Verengung der großen Blutgefäße kann vor allem durch die diabetische Störung des Fettstoffwechsels entstehen, die zusammen mit dem Diabetes auftritt. Mögliche Folgen sind: Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit), Herzinfarkt, Schlaganfall, arterielle Verschlusskrankheit und Impotenz.

Leben mit der Krankheit

Diabetes mellitus ist eine chronische Krankheit. Das bedeutet aber nicht, dass sich Diabetiker wirklich chronisch krank fühlen müssen. Im Gegenteil: Kaum eine Krankheit ist so gut erforscht, und zahlreiche Studien und die Erfahrung vieler Betroffener zeigen, dass Menschen mit Diabetes ein sehr hohes Maß an Lebensqualität aufrechterhalten können oder - was gar nicht so selten vorkommt - nach dem der Diagnose folgenden Schock sogar zu einem ausgeglicheneren Lebensstil finden. Es ist nie zu spät, diese wichtigen Umstellungen und Anpassungen des Lebensstils in Angriff zu nehmen.

Ernährung
Die Ernährungsempfehlung für den Typ-1-Diabetiker  entsprechen der einer gesunden Ernährung, die auch für die Allgemeinbevölkerung gültig ist. Persönliche Faktoren wie Alter, Gewicht, Größe, berufliche und sportliche Aktivitäten sollen hierbei ebenso Berücksichtigung finden, wie auch die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten.
Broteinheiten bzw. Kohlenhydrateinheiten:

Wichtig ist allerdings, dass Menschen mit einem Diabetes mellitus Typ 1 die Menge an Kohlenhydraten, die sie zu sich nehmen, einschätzen können müssen, um das Insulin entsprechend zu dosieren. Zur Orientierung dienen hier die Broteinheiten (BE) bzw. Kohlenhydrateinheiten (KE).

Broteinheit-Austauschtabellen oder Kohlenhydrat-Austauschtabellen vereinfachen den Berechnungsmodus, da sie von Lebensmittelportionen mit 10 bis 12 g verwertbaren Kohlenhydraten ausgehen. Die Tabellen geben an, wie viel Gramm eines Lebensmittels einer BE bzw. KE entsprechen, sodass Nahrungsmittel mit ähnlichem Kohlenhydrat-Gehalt gegeneinander getauscht werden können. Ein Austausch sollte aber immer nur innerhalb der gleichen Lebensmittelgruppe erfolgen.

Die meisten Gemüsesorten müssen, mit Ausnahme von Hülsenfrüchten, nicht angerechnet werden. Für Typ-1-Diabetiker mit intensivierter Insulintherapie kann auch für zuckerhaltige Speisen eine adäquate Insulindosis gefunden werden. Mäßiger Verzehr von Zucker bedeutet nicht automatisch eine Verschlechterung der Blutzuckerwerte.
Die Blutzuckerselbstkontrolle ist daher eine besonders wichtige  Anpassungsmaßnahme der Insulindosis und unerlässlicher Bestandteil der Selbstbehandlung des Typ-1-Diabetikers.

Glykämischer Index
Alle Kohlenhydrate, die wir zu uns nehmen, haben eines gemeinsam: Sie werden zu Zucker (Glukose) abgebaut. Egal, ob es sich um die Kartoffelstärke in den Pommes frites oder um den Backzucker in der Geburtstagstorte handelt. Die langen kettenförmigen Kohlenhydratmoleküle werden bei der Verdauung von körpereigenen Enzymen in immer kleinere Stücke zerlegt. Die kleinsten Bausteine, nämlich Traubenzucker, landen schließlich als Einfachzucker im Blut.

Kurz gesagt, gibt der GI Aufschluss darüber, wie rasch die Nahrungsmittel den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Das hängt unter anderem auch davon ab, wie z. B. Getreide verarbeitet wurde und mit welchen anderen Lebensmitteln es gegessen wird. Lebensmittel, die Weißmehl enthalten, sind in der Liste ganz oben zu finden, weil sie einen hohen GI haben. Dies schließt die meisten Desserts, Weißbrot und Backwaren mit ein. Instant-Reis gehört ebenso zu den Zucker-Torpedos wie tropische Früchte,  Kartoffeln und zuckerhaltige Limonaden. Am unteren Ende der GI-Skala finden sich Brokkoli, Spinat und Zwiebeln sowie die kohlenhydratfreien bzw. -armen Milchprodukte und Fleischspeisen.

Zwar muss hier eingeräumt werden, dass die Beachtung des glykämischen Index nicht dieselbe praktische Relevanz besitzt wie für Typ-2-Diabetiker, aber auch Typ-1-Diabetiker tun gut daran, sich daran zu orientieren, um Blutzuckerspitzen zu vermeiden.

Bewegung
Sich mehr zu bewegen verbessert das Allgemeinbefinden. Sportliche Betätigung erhöht die Leistungsfähigkeit, steigert das Selbstvertrauen und hilft, Stress abzubauen. Grundsätzlich können Typ-1-Diabetiker jede Sportart ausüben, nachdem eine gute Schulung und Beratung durch den Arzt vorausgegangen ist.

In Bezug auf den Insulin-/Blutzuckerhaushalt ist Folgendes zu beachten: Bewegung senkt den Blutzuckerspiegel. Bei körperlicher Betätigung steigt der Grundumsatz, es wird mehr Energie verbraucht, der Zuckerspiegel sinkt. Deshalb brauchen die Zellen weniger Insulin, um die gleiche Glukosemenge in die Zellen zu schleusen. Der Körper reagiert also empfindlicher auf das Insulin. Das heißt: Die gleiche Menge Insulin, die Diabetiker benötigen, wenn kein Sport betrieben wird, führt bei körperlicher Betätigung zu einer stärkeren Blutzuckersenkung.

Um eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) zu vermeiden, müssen Typ-1-Diabetiker also bedenken, dass sie bei erhöhter körperlicher Aktivität mehr Kohlenhydrate bzw. weniger Insulin benötigen.

Ein Sporttagebuch, in dem festgehalten wird, wie hoch der Blutzuckerwert vor und nach dem Sport war, um wie viel die Insulindosis reduziert worden war und wie viel Kohlenhydrate gegessen oder getrunken worden sind sowie Fälle von Unterzuckerung, hilft dabei, im Laufe der Zeit richtig einschätzen zu können, um wie viel sich der Insulinbedarf tatsächlich senkt.

Im Zweifelsfall ist es besser, eine zu drastisch reduzierte Insulinzufuhr bzw. eine zu hohe Kohlenhydrataufnahme zu korrigieren (durch eine zusätzliche Insulingabe) als eine schwere Unterzuckerung zu riskieren.

Mit dem Rauchen aufhören
Das Nikotin hat zwar keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit von Folgeerkrankungen - besonders der Blutgefäße - dramatisch. Die Risiken addieren sich nicht, sondern multiplizieren sich. Allerdings machen Ärzte immer wieder die Beobachtung, dass ein sofortiges Rauchverbot für Diabetiker gleich nach der Diagnose eine Überforderung sein kann. Manchmal kann es besser sein, sich zunächst um das Diabetesmanagement zu kümmern, den Lebensstil schrittweise anzupassen und erst dann auch den letzten Glimmstängel auszudrücken.

Regelmäßige Kontrolle der Blutzuckereinstellung
Der Langzeitwert HbA1c sollte alle drei bis vier Monate bestimmt werden. Er gibt Einblick in das Langzeitgedächtnis des Körpers für den Blutzuckerspiegel. Häufige und besonders hohe Blutzuckerspitzen erhöhen auch bei sonst guter Blutzuckereinstellung den Langzeitwert. Je niedriger der HbA1c-Wert ist, desto geringer ist das Risiko für diabetische Folgeerkrankungen. Für eine gute Einstellung wird ein HbA1c-Wert unter sieben Prozent angestrebt. Der Normalwert bei Gesunden liegt meist zwischen drei und sechs Prozent.

Stressmanagement
Belastende Lebensereignisse beeinflussen den Blutzuckerspiegel sowohl von Menschen mit als auch ohne Diabetes. Der Blutzuckerspiegel ist nichts Starres, Unbewegliches und hängt nicht ausschließlich von dem ab, was wir essen. Stresshormone wirken auf die Produktion des Hormons Insulin - entweder fördernd oder hemmend und auch auf die Verarbeitung und Speicherung von Kohlenhydraten. Bei gesunden Menschen werden diese Schwankungen gar nicht wahrgenommen. Beim Diabetiker hingegen kann sich daraus eine gefährliche Über- oder Unterzuckerung entwickeln. Strategien der Stressbewältigung im Alltag sind daher speziell für Diabetiker enorm wichtig. Wer lernt, aktiv mit den kleinen und größeren Gewittern des Lebens umzugehen, bekämpft damit auch den Diabetes.

Kurze Erholungspausen
Sich auch zwischendurch zu entspannen kann helfen, den täglichen Anforderungen leichter gerecht zu werden. Nützen Sie die Mittagszeit für eine Frischluftpause. Schadstoffbelastete Innenraumluft führt zur Ermüdung und Konzentrationsschwäche. Fünf Minuten Gehen an frischer Luft regt neue Gedanken an und macht den Kopf wieder klar.

Auch Atemübungen tun der Seele gut: Beim tiefen Atmen schaltet der Körper auf höchstes Energieniveau und bewirkt die Ausschüttung von Endorphinen im Gehirn. Diese "Glückshormone" heben das Wohlbefinden.

Fußpflege
Auch Diabetiker können ihre Füße gesund und schön erhalten, wenn sie einige Grundsätze beachten.

Das Wichtigste: auf einen richtig eingestellten Blutzuckerspiegel achten. Auch die sorgfältige tägliche Fußhygiene wirkt dem diabetischen Fußsyndrom entgegen. Fachgerecht gepflegte Füße haben keine Hornhaut und Hühneraugen, die Haut bleibt elastisch und ohne Risse. Eine makellose Haut an den Füßen verhindert das Eindringen von Infektionskeimen.

Wer seine Füße täglich mit einem warmen Fußbad verwöhnt, sie sorgfältig trockentupft und eincremt, hat schon viel für seine Fußgesundheit getan. Zur Pediküre sollte eine Sandpapierfeile oder Bimsstein verwendet werden. Hornhauthobel und Rasierklingen sind wegen der großen Verletzungsgefahr für Diabetiker nicht geeignet. Hornhaut, Hühneraugen, Druckstellen, Warzen und eingewachsene Nägel sollten nur durch erfahrene Fußpfleger behandelt werden.

Diabetiker und Diabetikerinnen, die bereits Nervenschäden haben, sehbehindert oder bewegungseingeschränkt sind, sollten ihre Füße speziell auf die Probleme bei Diabetes geschulten Fußpflegern anvertrauen. Sie behandeln Hornhaut, Hühneraugen, Druckstellen, Warzen und eingewachsene Nägel, führen die Pediküre fachgerecht und ohne Verletzungsgefahr durch und kümmern sich auch gleich um die genaue Inspektion der Füße.

Sehen Sie täglich Ihre Füße an, am besten mit einem Handspiegel, damit Sie auch die Sohlen auf eventuelle Druckstellen oder Verletzungen überprüfen können.

Zahnpflege bei Diabetes
Vom Diabetes Betroffene leiden bis zu dreimal häufiger unter Zahnfleischerkrankungen. Hohe Blutzuckerwerte begünstigen Infektionen im Mundraum, die sich rasch ausbreiten und zu Parodontitis führen können. Die chronischen Entzündungen zerstören die feinen Strukturen, die den Zähnen festen Halt geben. Schließlich wird auch der Kieferknochen angegriffen, die Zähne werden lose und fallen aus.

Es sind aber nicht nur hohe Blutzuckerwerte bei einem schlecht eingestellten Diabetes für die Erkrankung des Zahnbetts verantwortlich. Diabetes und Zahnfleischerkrankung beeinflussen sich wechselseitig: Der Diabetes begünstigt die Entstehung von Parodontitis und Karies, aber die Zahnfleischerkrankungen wirken auch auf den Diabetes zurück. Entzündungsherde im Mund verstärken die Insulinresistenz der Zellen und tragen zu einer Verschlechterung des Diabetes bei. Parodontitiserkrankungen erschweren so die optimale Blutzuckereinstellung.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine erfolgreiche Behandlung der Zahnfleischentzündung auch die Blutzuckereinstellung wieder verbessern kann. Betroffene, die auf ihre Zahngesundheit achten, verringern damit die Gefahr von diabetischen Folgeerkrankungen.

Um das Zahnfleisch gesund zu erhalten, sollten die Zähne täglich gründlich geputzt werden. Wichtig ist auch, die Zahnzwischenräume mit Zahnseide oder speziellen Bürstchen vom Zahnbelag zu befreien.


Experten:

OA Dr. med. Heidemarie Abrahamian (Innere Medizin) OA Dr. med. Thomas Egger (Innere Medizin) OA Dr. med. Michael Fasan (Innere Medizin) Univ. Prof. Dr. med. Michael Wolzt (Pharmakologie)

Zuletzt aktualisiert am:

2010-08-07

Diese Informationen können den Besuch beim Arzt nicht ersetzen, sondern können Ihnen helfen, sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Eine Diagnose und die individuell richtige Behandlung kann nur im persönlichen Gespräch zwischen Arzt und Patient festgelegt werden.