Alkoholkrankheit
Chronischer Alkoholmissbrauch erhöht das Risiko für eine ganze Reihe von Krankheiten. Gelingt es nicht, das Trinken rechtzeitig einzuschränken, wird aus dem Missbrauch eine chronische, fortschreitende Krankheit. In Maßen konsumierter Alkohol kann jedoch auch gesundheitsfördernd sein.
Alkoholismus oder auch Trunksucht ist eine durch ständiges bzw. vermehrtes periodisches Trinken hervorgerufene chronische Krankheit, die sowohl auf körperlicher, als auch auf psychischer und sozialer Ebene schädigt. Die Krankheit, die sich über Jahre hinzieht, führt unbehandelt in häufigen Fällen zum Tod.
Die WHO definiert Alkoholkranke als Trinker mit einer solchen Abhängigkeit, dass sie im gesundheitlichen, im seelischen und auch zwischenmenschlichen Bereich Störungen ausgesetzt sind und auch sozial bzw. wirtschaftlich eingeschränkt sind.
Zahlen und Daten
In industrialisierten Ländern liegt der Anteil der Alkoholkranken bei etwa 3 – 5% der Bevölkerung. Dabei nimmt der Anteil der Frauen und Jugendlichen deutlich zu. Männer sind dreimal so oft betroffen wie Frauen. Alkoholismus ist damit nach wie vor das größte sozialmedizinische Problem. Die Lebenserwartung bei Alkoholkranken ist gegenüber der Normalbevölkerung stark reduziert: Sie sinkt sie bei Männern um etwa 15%, bei Frauen um 12%.
In Deutschland sind laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung (2004) 5,5 Millionen Menschen abhängig (Männer: 3,8 Millionen, Frauen: 1,7 Millionen). Laut dieser Statistik gelten Menschen als abhängig, wenn sie mehr als 20g reinen Alkohol (Frauen) bzw. 30g reinen Alkohol (Männer) pro Tag trinken. Das entspräche ca. einem halben Liter Bier oder etwa 0,2 Liter Wein.
Allerdings ist nicht möglich, einen absoluten Wert für die Trinkmenge anzugeben, ab der Alkohol „gefährlich“ wird - zu groß sind die individuellen Unterschiede. Außerdem kommt es oft weniger auf die Trinkmenge an als auf die Art und Weise, wie getrunken wird (zum Vergessen von Problemen, als einziges Mittel der Entspannung). Erst nach jahrelangem, systematischem Missbrauch entsteht Alkoholkrankheit - und der hat meist handfeste Gründe. Der Großteil der Krankheits- und Todesfälle, die auf Alkohol zurückzuführen sind, betrifft nicht die alkoholkranken Trinker, sondern die deutlich größere Gruppe der alkoholgefährdeten Problemtrinker.
Grundsätzlich unterscheidet man deswegen zwischen den gewohnheitsmäßigen, aber nicht abhängigen Alkoholkonsumenten und dem abhängigen Alkoholkranken, der unfähig ist, vor dem Vollrausch aufzuhören zu trinken bzw. bei einer Abstinenz an Entzugserscheinungen leidet
Ursachen
Wenn wir Alkohol trinken, wird dieser von der Leber abgebaut. Sie kann im gesunden Zustand bis zu 170g reinen Alkohol pro Tag verstoffwechseln. Dabei helfen ihr zwei Enzyme: die Alkoholdehydrogenase (ADH) und das sogenannte mikrosomale oxidierende System (MEOS). Der zugenommene Alkohol wird durch verschiedene chemische Prozesse erst in Acetaldehyd umgewandelt, eine höchst toxische Substanz, und dann in Kohlensäure und Wasser abgebaut.
Nehmen wir jedoch große Mengen von Alkohol zu uns, nimmt die Aktivität des Enzyms MEOS stark zu, während das Enzym ADH sich auf gleichem Niveau bewegt. Dadurch kann der Alkoholkranke vermehrt Alkohol abbauen, aber muss auch mehr mehr trinken, um seinen Blutalkoholspiegel und damit die Wirkung des Alkohols im „gewünschten“ Bereich zu halten. Allerdings wird dadurch auch mehr von der hochtoxischen Substanz Acetaldehyd gebildet.
In Maßen konsumiert kann Alkohol gesundheitsfördernd sein. Der lockere Umgang mit dem Rauschmittel ist in unserer Kultur jedoch so selbstverständlich geworden, dass sich viele kaum noch bewusst machen, dass es sich auch um eine abhängig machende Droge handelt. Ein erhöhtes Risiko für Alkoholmissbrauch haben labile, unsichere, sorgenvolle Menschen oder Personen, die stark unter Druck stehen.
Chronischer Alkoholmissbrauch erhöht das Risiko für eine ganze Reihe von Krankheiten. Kaum ein Organsystem wird durch Alkoholmissbrauch nicht geschädigt. Solche Krankheiten können sein:
- Magen-, Stoffwechsel- und Ernährungskrankheiten wie Gastritis, Magengeschwüre, Eiweiß- und Vitaminmangel, Diabetes;
- Leberschäden: Fettleber bis zur Leberzirrhose;
- Polyneuropathie, Hautschäden mit schlechter Wundheilung;
- akute oder chronische Bauchspeicheldrüsenerkrankungen;
- Herzmuskelschäden;
- Tuberkulose und Krebs.
Gelingt es nicht, das Trinken rechtzeitig einzuschränken, wird aus dem Missbrauch eine chronische, fortschreitende Krankheit.
Vorbeugung
Die beste Vorbeugung ist eine gesunde, stabile Psyche. In schwierigen Phasen hilft es deswegen, sich bewusst und aktiv mit den tiefer liegenden Problemen auseinander zu setzen, statt sie durch eine Ersatzhandlung wie das Trinken „auszublenden“. Oft hilft schon das offene Ansprechen des Problems gegenüber Freunden oder Familienangehörigen, um Druck von der Seele zu nehmen. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Auch hier gilt aber: Nicht jede mit etwas mehr Alkohol durchlebte Phase bedeutet beginnenden Alkoholismus. Eine Alkoholkrankheit entsteht nicht von heute auf morgen, sondern ist das Ergebnis eines jahrelangen, kontinuierlichen Missbrauchs. Mit etwas Aufmerksamkeit sich selbst bzw. anderen gegenüber kann eine mögliche Gefährdung erkannt und auch noch gut abgewendet werden.
Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie oder ein Angehöriger zu oft tief ins Glas blicken, beobachten Sie einmal für ein paar Wochen, in welchen Situationen die Sehnsucht nach Alkohol auftaucht: Wird regelmäßig zur Entspannung oder Anregung getrunken? Um die Selbstsicherheit zu stärken? Um Angst oder Sorgen zu vergessen? Und: Ginge es auch ohne?
Ein paar Tage ohne den Geist aus der Flasche sind ein erster Versuch, ob schon eine Abhängigkeit besteht. Bereitet eine solche längere Abstinenz kein Problem, kann einem Gläschen guten Gewissens wieder zugesprochen werden. Wird die alkoholfreie Zeit hingegen als schwierig empfunden, ist der Moment gekommen, mit einem Arzt oder einer Selbsthilfegruppe Kontakt aufzunehmen bzw. auf einen solchen Kontakt zu drängen.
Beschwerden
Äußerlich sichtbare Zeichen von Alkoholismus können ein aufgeschwemmtes, rot-bläuliches Gesicht, wässrige Augen und vergrößerte Tränensäcke sein. Wird wenig oder gar nichts getrunken, kommt es zu Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Angst oder Unruhe - ein häufiges Symptom etwa in der Früh vor dem ersten
Typisch sind Wesensveränderungen, etwa mit einem Hang zu Rührseligkeit, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder extremer Eifersucht. Alkoholkranke haben keine Lust mehr auf Sex; bei Männern führt die Krankheit oft zu völliger Impotenz.
Folgen
Oft sind die sozialen und psychischen Schäden, die durch das Alkoholproblem entstehen, genauso schlimm wie die medizinischen Folgen der Krankheit. Konflikte mit der Familie, Freunden, der Polizei und am Arbeitsplatz sind häufig und können in Scheidung, Verlust des sozialen Netzes, Armut und Depressionen enden bis hin zur totalen Isolation der Betroffenen. Das verstärkt das Alkoholproblem weiter.
Bei 90 Prozent der Betroffenen führt ein fortgeschrittener Alkoholismus zu Gehirnschäden mit einer deutlichen Wesensveränderung bis hin zur Demenz. Eifersuchtswahn, Verfolgungsängste oder Depressionen sind typisch; die Selbstmordrate liegt um ein Vielfaches über jener der Gesamtbevölkerung. Fast ein Drittel der Kranken erleidet epileptische Anfälle.
Es kann zu Verwirrtheitszuständen oder Alkoholpsychosen kommen: Das bekannte Delirium tremens dauert vier bis fünf Tage und verläuft in Wellen. Typisch sind ein bleiches, schweißbedecktes Gesicht mit bläulichen Lippen, starkes Zittern, ein angstvoller Gesichtsausdruck, körperliche und seelische Unruhe, ein unsicherer Gang, Orientierungsstörungen und optische Täuschungen: Die berühmten weißen Mäuse oder andere kleine bewegte Dinge werden gesehen oder gespürt. Das Delirium kann behandelt werden; unbehandelt sterben 15 bis 30 Prozent der Betroffenen in dieser Phase der Krankheit. Eine Alkoholkrankheit muss behandelt werden, da sie sonst tödlich endet.
Behandlung
Zusammen mit dem Arzt kann entschieden werden, ob ein Entzug ambulant oder stationär durchgeführt wird. Grundsätzlich ist bei der Behandlung das Gespräch mit dem Arzt sehr wichtig. Die zugrundeliegenden Probleme des Alkoholismus müssen aufgearbeitet werden. Dabei ist es notwendig, die Verschleierungen und Verdrängungen auf Seiten des Patienten aufzubrechen und abzubauen.
Ein ambulanter Entzug ist möglich, wenn nur relativ wenig Alkohol getrunken wird und die Krankheit noch nicht weit fortgeschritten ist, also keine Komplikationen durch die Abstinenz zu erwarten sind. Besonders hilfreich ist hier ein intaktes soziales Umfeld.
Eine fortgeschrittene Alkoholkrankheit wird besser in einer Kombination aus ambulanter und stationärer Therapie behandelt. Diese so genannte Therapiekette besteht aus einer ambulanten Vorbetreuung, stationärem körperlichen Entzug, stationärer Entwöhnung und ambulanter Nachbetreuung. Wichtig für den Erfolg ist es, eine Einrichtung zu wählen, die auch seelische Unterstützung anbietet.
Der körperliche Entzug dauert meist nur wenige Tage. Die anschließende Entwöhnungsbehandlung hilft dabei, die Krankheit aufzuarbeiten und Rückfällen vorzubeugen.
Im Grundsatz kennt man zwei mögliche Behandlungsvarianten bei Alkoholismus: Die sogenannte Aversionstherapie und die Anti-Cravong-Therapie. Bei der Aversionstherapie werden dem Patienten Medikamente gegeben, die den Umbau des Alkohols von der Stufe des hochtoxischen Acetaldehyd zu Kohlenstoff und Wasser blockieren, sodass sich das Acetaldehyd im Körper anreichert. Da dies zu einer nicht unbedenklichen Wirkung führt, die subjektiv und objektiv als unangenehm empfunden wird, soll dies einen Widerwillen gegen Alkohol auslösen. Die Anti-Craving-Therapie dagegen dämpft durch Wirkung auf den Übertragungsprozess im Gehirn das Verlangen nach Alkohol.
Ergänzende Massnahmen
Typisch bei Alkoholproblemen ist das Verleugnen des Problems vor sich selbst und anderen. Selbst schwer Kranke haben oft keine Krankheitseinsicht.
Angehörige/Freunde
Das Umfeld der Kranken, vor allem die Familie, spielt hier eine wichtige Rolle.
Einerseits ist häufig zu beobachten, dass Alkoholkranke von ihrer Umgebung in ihrem Verhalten "gedeckt" werden. So lassen sich Lebenspartner immer wieder mit Versprechen beschwichtigen, obwohl sie genau wissen, dass die wieder gebrochen werden, oder drohen mit Trennung, machen die Drohung aber nie wahr. Dieses Verhalten wird als Ko-Abhängigkeit bezeichnet: Familie und Partner, oft auch Freunde und Kollegen, werden unbewusst zu "Helfern" der Erkrankten.
Um diese Rolle zu durchbrechen, wird Angehörigen dringend empfohlen, sich an eine Suchtberatungsstelle oder Selbsthilfegruppe zu wenden. Diese Institutionen bieten seelische Unterstützung und praktischen Rat im Umgang mit dem Problem.
Auf der anderen Seite werden oft gerade durch den Lebenspartner Kranke zu einer Therapie bewegt. Der Weg, der vor ihnen liegt, ist lang und beschwerlich. Die liebevolle Unterstützung durch die Angehörigen kann Mut und Kraft geben.
Krankheitseinsicht
Der erste Schritt aus der Sucht ist eine grundlegende Erkenntnis: Alkoholismus ist keine Schwäche, die sich irgendwie, irgendwann wieder gibt oder selbst in den Griff zu bekommen ist. Es handelt sich um eine Krankheit, die für den Rest des Lebens bestehen bleiben wird. Sie kann lediglich in ihrem Fortschreiten gestoppt werden: indem kein Alkohol mehr getrunken wird.
Dieses Wissen ist das Um und Auf für einen Therapieerfolg. Wie bei einer schweren Allergie ist jede noch so geringe Form von Alkohol - und sei es eine Praline oder Weinsauce über dem Braten - ab nun tabu.
Psychotherapie
Eine begleitende Psychotherapie hilft dabei, die Hintergründe der Sucht zu verstehen, Alternativen zum Suchtverhalten zu entwickeln und das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Auch hier muss klar sein: Das geht kaum jemals schnell, sondern kann ein jahrelanger Prozess sein.
Um dauerhaft ohne Alkohol auszukommen, ist es fast immer nötig, das Leben grundsätzlich zu verändern. Von der Partnerschaft über die Freizeitgestaltung bis hin zur Arbeit können davon alle Lebensbereiche betroffen sein.