Arzneimittelsucht
Geschätzte zwei Prozent der Bevölkerung sind süchtig nach
Medikamenten, wobei eine hohe Dunkelziffer angenommen wird. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. Überdurchschnittlich oft sind Frauen betroffen, außerdem steigt die Wahrscheinlichkeit für Medikamentensucht mit dem Alter: Nur ein Viertel der über 60-Jährigen kommt ohne Dauermedikation aus. Eine spezielle Risikogruppe für Medikamentenabhängigkeit sind auch Angehörige
medizinischer Berufe, die einen leichteren Zugang zu bestimmten Mitteln haben.
Ursachen
Die Abhängigkeit beginnt meistens durch die ärztliche Verschreibung eines Mittels. Oft wird es dann auch ohne wirkliche Notwendigkeit weiter genommen, oder es wird nicht rechtzeitig nach einem nicht abhängig machenden Ersatz gesucht. Bis zu acht Prozent aller Arzneimittel haben ein - zum Teil hohes - Suchtpotenzial. Oft weisen Arzt oder Apotheker nicht von selbst darauf hin. Es ist darum sinnvoll, bei jeder Verschreibung nachzufragen, ob das Mittel Suchtgefahr birgt. Auch der Beipacktext gibt Auskunft. Medikamentengruppen mit hohem Abhängigkeitsrisiko sind
- Schlaf- und Beruhigungsmittel (Tranquilizer, Sedativa, Hypnotika),
- Schmerzmittel (Analgetika),
- Codein-haltige Hustenmittel (Antitussiva),
- Aufputschmittel (Stimulanzien, oft auch in Appetitzüglern enthalten).
Da fast alle dieser Mittel verschreibungspflichtig sind, muss davon ausgegangen werden, dass viele Ärzte mit dem Ausstellen von Rezepten sehr sorglos umgehen. Das Weiterverordnen eines in der Vergangenheit bewährten Medikaments erscheint oft einfacher als die Begleitung eines möglicherweise Probleme verursachenden Medikamentenentzugs. Personen, die öfter Medikamente einnehmen, sollten deshalb am besten selbst beobachten, wie sie auf ein Mittel reagieren, und sich ein Rezept nicht beliebig verlängern lassen.
Problemfeld Benzodiazepine
80 Prozent aller medikamentenabhängigen Personen im deutschsprachigen Raum sind süchtig nach Benzodiazepin-haltigen Mitteln (Tranquilizern). Sie gehören zu den am häufigsten verschriebenen Arzneimitteln und werden vor allem zur Behandlung von Erregung, Unruhe, Angststörungen und sehr häufig bei Schlafproblemen genommen. Hier besteht übrigens ein hohes Verletzungsrisiko für ältere Leute, die, durch die Mittel "betäubt", auf dem nächtlichen Gang zur Toilette häufig stürzen.
Eine kurzfristige Einnahme bedeutet noch keine Suchtgefahr: Abhängigkeit entsteht meist erst nach monatelanger Therapie. Dann freilich ist dieser Wirkstoff tückisch: Er verursacht starke Entzugserscheinungen, die durch sehr langsames Absetzen ("Ausschleichen") zwar gemildert, aber nicht verhindert werden können. Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa ein Viertel aller Personen, die mehr als ein halbes Jahr lang Benzodiazepine schlucken, eine psychische und körperliche Abhängigkeit entwickelt haben. Frauen mit Kinderwunsch sollten berücksichtigen, dass die Tranquilizer zu Missbildungen bei Kindern führen können.
Schmerzmittel
Starke Schmerzmittel enthalten oft Morphine und Morphin-ähnliche Substanzen: Sie können schon nach kurzzeitiger Therapie zu Abhängigkeit führen. Schwache bis mittelstarke Schmerzmittel werden oft in Form von Mischpräparaten angeboten. Sie enthalten neben den Hauptinhaltsstoffen wie Aspirin oder Paracetamol auch Codein oder Coffein, die bei längerer Anwendung zu Abhängigkeitserscheinungen führen können.
Auch Hustenmittel sind oft mit Codein versehen, das im Körper in Sucht erzeugendes Morphin umgewandelt wird.
Eine Medikamentensucht wird oft nicht erkannt oder nicht zugegeben und bleibt deshalb mitunter für Jahre unbehandelt. Bei lang dauerndem, regelmäßigem Medikamentenmissbrauch kann es jedoch zu schweren Schäden kommen: Die Psyche kann mit Symptomen wie Angst, Verwirrung, Verfolgungswahn und Depressionen reagieren. Im Körper können schwere Organschäden, etwa an Leber, Herz und Nieren, entstehen. In manchen Fällen sind die Folgen tödlich.
Beschwerden
Manchmal bemerken Angehörige eine Medikamentenabhängigkeit als Erstes an einer Wesensveränderung der Betroffenen: Sie sind z. B. vergesslicher, reagieren langsam, fühlen sich überfordert, müde und gleichgültig. Oft fehlt der Appetit. Eine starke Muskelentspannung kann vermehrt zu Stürzen führen. Wenn die Einnahme unterbrochen wird, kommt es zu Entzugssymptomen wie Herzklopfen, Muskelzittern, Übelkeit, Schwindel und Nervosität, bei manchen Mitteln auch zu Halluzinationen, Angstzuständen, Albträumen oder Krampfanfällen.
Selbsthilfe
Vorbeugung
Die beste Vorbeugung besteht in einem ausgeglichenen, gesunden Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Dadurch kommt es weniger oft zu Krankheiten, die die Einnahme von Tabletten nötig machen.
Besonders wichtig gegen jede Form der Abhängigkeit ist eine stabile Psyche, denn eine Abhängigkeit entsteht nicht nur durch die süchtig machende Substanz, sondern hat immer auch mit der Persönlichkeit zu tun. Weniger suchtanfällig sind Personen, die ein gesundes Selbstwertgefühl haben und sich bewusst mit Problemen auseinander setzen, statt sie von sich zu schieben.
Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle: So gilt es beispielsweise unter Jugendlichen als schick, Experimente mit Suchtmitteln - auch Medikamenten - zu machen. Für andere wieder sind Aufputschmittel (Amphetamine) oder Beruhigungsmittel die stillen Helfer bei beruflicher oder familiärer Überforderung oder im Umgang mit anderen Menschen. Nicht selten werden schon in der Kindheit und Jugend die ersten Weichen für eine "Suchtkarriere" gestellt: Wenn Kinder Tabletten bekommen, sobald ein Problem auftaucht - gegen Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität vor Prüfungen -, werden sie nur schwer lernen, selbst mit ihren Problemen fertig zu werden. Stattdessen wird vermittelt, dass es für jedes Problem ein schnelles Mittel gibt - zu dem dann auch später gerne gegriffen wird. Doch nicht bei jedem Problem sind Pillen nötig, und nicht immer sind sie die am besten geeignete Form der Therapie! Sehr oft können - vorher oder begleitend - alternative Maßnahmen und Heilmethoden eine Medikamenteneinnahme unnötig machen oder jedenfalls stark reduzieren.
Gerade bei psychischen und psychosomatischen Problemen - von Kopfschmerzen über Schlafstörungen bis hin zu Angst- und Panikattacken - gibt es jenseits von Pillen eine ganze Reihe sinnvoller Maßnahmen. Im Bereich der Psychopharmaka und der Schmerzmittel gibt es Medikamente, die nicht süchtig machen - Arzt oder Ärztin können darauf angesprochen werden. Mit Vorsicht zu genießen sind alle Formen von Beruhigungsmitteln (Tranquilizer), Schmerz- und Schlafmittel, die nur auf Rezept erhältlich sind, sowie Appetitzügler. Sie sollten nur über kurze Zeit eingenommen werden. Mischpräparate bei Schmerzmitteln werden am besten vermieden. Bei schwereren, lang anhaltenden Störungen wie chronischen Schmerzen oder psychi(atri)schen Erkrankungen sollte mit einem darauf spezialisierten Experten ein genauer Therapieplan erarbeitet werden, der möglichst wenig abhängig machende Substanzen enthält.
Ist die Einnahme von Arzneimitteln angebracht, sollte sie nie länger als nötig fortgesetzt werden.
Behandlung
Eine Sucht beherrscht das Leben. Die Einsicht, sie nicht alleine in den Griff zu bekommen, ist oft der erste Schritt auf dem Weg zur Heilung. Hilfe von außen, etwa durch einen Facharzt für Psychiatrie, ist wichtig und sinnvoll. Als besonders wirksam hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen, mit der neue Wege erarbeitet werden, mit Belastungen, Anspannung, Ängsten und Sorgen umzugehen. Das stärkt das Selbstvertrauen und die Gewissheit, dass das Arzneimittel eigentlich
gar nicht gebraucht wird, um Probleme zu lösen.
Eine Selbsthilfegruppe kann zusätzlich Unterstützung bieten.
Manchmal kann das Sucht-Mittel durch ein nicht süchtig machendes Medikament ersetzt werden. In schweren Fällen ist ein Entzug in einer Klinik möglich. Bei beiden Methoden ist ohne gleichzeitige therapeutische Unterstützung die Rückfall-Wahrscheinlichkeit höher als bei einer Verhaltenstherapie.